Reiseberichte

Wodka, Bären, Theater

Litauische Skizze

Bahnhofplatz Bern, ich stelle das Fahrrad ab, hantiere in einem diffusen gelben Licht der Straßenbeleuchtung am Zahlenschloss. Der Fahrer des Kleinbusses zum Flughafen Zürich-Kloten steht auf dem Gehsteig, wirft einen Blick zu mir herüber. Endlich schnappt das Schloss zu. Ich bin der letzte der wenigen Fahr­gäste. 4 Uhr 42. Noch drei Minuten bis zur Abfahrt.

Dank genauesten Berechnungen konnte bereits eine Woche zum voraus Ort und Zeit des Flugzeugabsturzes bestimmt werden. Nicht weit von einem Hügel mit Aussichtspunkt und nicht weit von der Autobahn entfernt.

Auf der Autobahn kommt uns eine Kolonne von Lastwagen ent­gegen. 5 Uhr 23.

Zürich-Kloten, wir heben ab. 7 Uhr 20. Unter uns schmutzige Wattebäuche, da muss am Sonntag was los gewesen sein im Himmel! Durch einzelne Löcher in den Wolken sind Lichter, Häuser, Straßen zu sehen. Wir steigen höher. Es dämmert. Im Fenster gegenüber erscheinen die Silhouetten der Alpen.

In aller Eile wurde eine Straße von der nächsten Autobahnaus­fahrt zum Hügel und zur Absturzstelle gebaut.

Wien-Transit. Beim Skulpturenbrunnen vor dem Café Wien sitzen Frauen mit Kleinkindern. Dem Aussehen nach kommen sie aus dem Osten. Kommen oder gehen? Ich passiere die Kontrollstelle. Im Warteraum eine junge Frau mit kurzen Haaren. Sie weint leise. 10 Uhr 43. Weitere Fluggäste finden sich ein. Die junge Frau setzt sich einen Kopfhörer auf. Etwas später singt sie das Lied mit, bemüht, die Tränen zurückzuhalten.

Auf dem Aussichtspunkt des Hügels wurde eine Zuschauertri­büne errichtet.

Wieder sitze ich im Flugzeug über dem linken Flügel. Ich schaue durch das kleine Fenster hinunter. Schnee über Polen – wie schlecht verstreuter Puderzucker. Später zugefrorene Flüsse und Seen. Die Schneedecke kompakter. Der Bordlautsprecher meldet, dass wir uns im Anflug auf Vilnius befinden. Anschnal­len. Plötz-
lich rüttelt und schüttelt sich das Flugzeug. Und dann fahren wir Karussell. Der Flügel unter meinem Fenster richtet sich schräg nach oben, findet zurück in die Waagrechte. Nun geht es hinunter. Tiefer und tiefer.

Innert weniger Stunden die Tribüne ausverkauft. Wer zu lange überlegte, zauderte, ob er lieber dem Absturz schön zuschauen oder eher an der Absturzstelle sein wolle, fand keinen Platz mehr.

Schon setzen wir auf der Piste auf. 13.20 Uhr. Zehn Minuten zu früh.

Die privaten und öffentlichen Autobusbetriebe hatten bald alle zur Verfügung stehenden Wagen für die Fahrt zur Absturzstelle ausgebucht. Da sprang freundlicherweise die Armee mit einer großen Anzahl Lastwagen ein, die Flut der Zuschauer zu bewäl­tigen.

Langsam rücke ich vor. Nach einer halben Stunde stehen nur noch drei Personen vor mir, dafür warten seitlich mehrere Rei­sende bei der Tür mit der Aufschrift „Visa“. Der zuständige Be­amte ist eben erst gekommen. Gerade wird wieder jemand von der Passkontrolle weggeschickt und stellt sich dort an. Mich be­schleichen leise Zweifel, ob meine Informationen stimmen, und ich frage mich, ob mir nicht das gleiche blüht.

Es ist kalt. Von den Lautsprecherdurchsagen verstehe ich kein Wort. Ich fühle mich fremd wie noch nie. Hoffe, dass der Fahrer des Theaters, wie versprochen, auf mich wartet. Zwei Unifor­mierte kommen von der Seite, nehmen einen jungen Mann beim Kontrollschalter in ihre Mitte, gehen mit ihm weg. Endlich bin ich an der Reihe. Nachdem die Beamtin in meinem Pass geblät­tert und mich mehrmals prüfend angeschaut hat, ohne aber die kleinste Frage zu stellen, kriege ich einen Stempel hinein, und sie lässt mich passieren, wobei sie auch jetzt stumm wie ein Fisch bleibt. In der Halle wartet der Regisseur Peter Stoytschev auf mich, der sich bereits gefragt hat, ob wir uns verpasst haben.

Draußen auf dem Parkplatz steht das Theaterauto mit Fahrer, neben ihm sitzt seine Frau. Während der ganzen Fahrt werden sie kein Wort miteinander wechseln. Erst will mir Peter kurz Vilnius zeigen. Am Straßenrand liegen schmutzige Schneehau­fen, eine dünne Eisschicht zieht sich über den Gehsteig, es heißt aufpassen. Ein paar Gassen später verschwinden wir in einer Bierkneipe – was bewirkt, dass ich später auf der Autobahn bitten muss, anzuhalten. Es scheint das normalste der Welt zu sein, die vier Fahrbahnen zu Fuß zu überqueren, um zur kleinen Gast­stätte gegenüber zu gelangen. Sie ist geschlossen. Wir erledigen unser Bedürfnis im Freien.

Bei Panevezys verlassen wir die Autobahn, die weiter nach Riga führt, und fahren jetzt auf der Landstraße. Peter berichtet mir von verschiedensten Katastrophen am Theater. Eine Schau­spielerin ist erkrankt und der Direktor, der ebenfalls in unserem Stück mitspielt, ist vorgestern auf dem Eis ausgerutscht und humpelt nun mit einem enorm dicken Fuß herum, die Premiere werde aber am 1. März stattfinden, und wenn er, Peter, jemanden mit der Bahre auf die Bühne tragen lassen müsse. Nur sei mit der Anfertigung des Bühnenbildes noch gar nicht begonnen worden, weil die Werkstätten immer noch mit der vorderen Pro­duktion beschäftigt seien, deren Premiere immer wieder ver­schoben worden war und vielleicht jetzt diesen Samstag statt­finde, überhaupt würden alle Termine an allen Theatern hier in Litauen laufend verschoben, seit dem letzten Jahr habe sich merklich alles verschlechtert. Der Bruder der Hauptdarstellerin sei vor zehn Tagen erschossen worden, wahrscheinlich eine Mafia-
geschichte. Er habe auch schon mehrmals Schüsse in der Innenstadt von Šiauliai gehört und letzthin habe man ihn zu­rückgehalten, er solle das Theatercafé nicht betreten, da laufe ein Verrückter herum und setze den Gästen die Pistole an die Schläfe.
   „Wieso hast du mir nicht gesagt, dass ich eine kugelsichere Weste mitnehmen soll?“, frage ich.
   Der Regisseur schaut mich spitzbübisch an. „Ich wollte dich nicht abschrecken, zu kommen.“

Es ist finster, wie wir Šiauliai erreichen. Hinter uns eine Auto­fahrt von über 200 Kilometern durch eine eintönige weiße Land­schaft.

Durch ein düsteres Treppenhaus an einer Reihe von grünen Briefkästen vorbei steigen wir zur Wohnung hinauf, wo ich mit dem Regisseur untergebracht bin. Die Wohnungstüren sind au­ßen alle mit braunem Leder bezogen, was in diesem verwahr­losten Treppenhaus irgendwie seltsam aussieht. Die Wohnung selber ist ganz gemütlich. Zwei Zimmer und Korridor mit la­ckierten Holzwänden, Küche mit Schüttstein und Kochherd, nur fehlen die nötigen Töpfe und Pfannen, Eisschrank gibt es auch nicht. Toilette und Bad getrennt, rotbraune Spuren in Wanne und WC-Schüssel laden auf den ersten Blick nicht gerade zum Bade und anderem Bedürfnis: es sind dies aber nur Spuren des Rostwassers aus den Leitungsrohren.

Nachdem wir das Gepäck abgestellt haben, gehen wir zum Theater gleich gegenüber. Peter mahnt mich zur Vorsicht, der Gehsteig ist mit einer dicken, buckligen Eisschicht überzogen. Der Personaleingang des Theaters mit Vestibül gleicht dem Foyer eines Vorstadtkinos aus den 50er Jahren. Ein Sprung quer durch die Glastür. Hier war früher der Eingang zur Komödie, die jetzt nur noch als Probebühne benutzt wird. Ein paar Sessel, mit einem roten Tuch bezogen, stehen in düsterem Licht. Der Pförtner sitzt hinter einem alten Holzpult mit Telefonapparat und blickt zum Bildschirm eines riesigen Fernsehapparates, worauf ein Stapel Zeitungen liegt. Hier halten sich in der Freizeit auch die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler auf, die im Theater ein Zimmerchen bewohnen. Im Augenblick ist von ihnen niemand zu sehen. Wir steigen eine Treppe hinunter. Ein spärlich beleuchteter, labyrinthartiger Gang mit dicken Rohren unter der niedrigen Decke führt unterhalb der Bühne zum Thea­tercafé, das mit einer Treppe auch von der Straße her für das allgemeine Publikum zugänglich ist. Ein
Treffpunkt der Künstler und Intellektuellen. Dicke Rauchschwaden wogen mir entgegen. Kaum haben wir ein Bier bestellt, werden wir von einem Journalisten angesprochen, der auf unsere Ankunft gewartet hat und sofort ein Interview mit mir machen will. Er fragt nach meinen ersten Eindrücken von Litauen. Ob ich nicht das Gefühl habe, das Land stehe noch voll im Mittelalter. Ich widerspreche. Vielleicht wie der Westen in den 50er Jahren, einen Eindruck, den ich auch in der ehemaligen DDR hatte. Im Nachhinein denke ich, dass es damals in der Schweiz den Menschen wirt­schaftlich weitaus besser ging, und auch die hässlichen Wohn­blocks, die in dieser Zeit bei uns aufgestellt wurden, sind schö­ner und auf jeden Fall in besserem Zustand als die Backstein­bauten hier mitten im Zentrum. Freilich ist Šiauliai eine Indust­riestadt, die während beiden Weltkriegen fast völlig zerstört worden war. Mit rund 150‘000 Einwohnern ist es die viertgrößte Stadt Litauens und das industrielle und kulturelle Zentrum des Nordens, bis zur Unabhängigkeit verbotene Stadt für Ausländer, selbst für diejenigen aus den verbündeten Oststaaten. Hier be­fand sich eine der größten Luftwaffenbasen der Sowjetunion, mitten aus dem blauen Himmel habe es regelmäßig auf die Stadt geregnet: die Militärflugzeuge entleerten vor der Landung ihre Tanks. Hier standen die Abschussrampen der sowjetischen Atomraketen. Im Augenblick ist der Flugplatz verödetes Nie­mandsland. Auf dem Gelände soll einst ein neues Wirtschafts­zentrum entstehen.
   Das Theater, ein Schauspielhaus mit rund 600 Plätzen, ist ebenfalls ziemlich renovierungsbedürftig. Verfleckte, abge­-
schabte Teppiche und Sitzplätze im Zuschauerraum, eine völlig veraltete Bühnenmaschinerie. Die Schauspielerinnen und Schauspieler hingegen sind große Klasse, wie ich noch feststel­len werde.

Peter und ich verlassen das Theatercafé, gehen ein paar Schritte durch die menschenleere Fußgängerstraße, eine schnur­gerade Allee im Herzen der Stadt, wo sich einst das historische Zentrum befand. In ihrer Mitte ist die Fußgängerstraße durch ei­nen bis zu einem Meter hohen Schneewall in zwei Spuren ge­trennt, nur einzelne Durchgänge freilassend. Wir setzen uns in ein menschenleeres Restaurant, das an eine italienische Früh­stücksbar erinnert. Lederjacke und Schal behalte ich an, lege nur die Mütze ab. Es ist kalt. Laute Musik aus Lautsprechern: inter­nationaler Sound, zwischendurch sogar litauisch gesungen. Da­für schmeckt die Küche um so litauischer, was in diesem Fall leider auch kein Vorteil ist. Zur Vorspeise gibt es eingelegten Hering, ich beäuge ihn kritisch, bisher war ich kein Liebhaber von rohem Fisch, es kostet mich schon ein bisschen Überwin­dung, aber es gibt ja Wodka, um zu spülen. Ich werde die ganze Woche Hering vorgesetzt bekommen. Na ja, Hering und Wodka zur Vorspeise sind ganz gut. Als Hauptgang irgend ein paniertes Schnitzel. Ob Kalb, Rind, Schwein oder Fisch, man kriegt es immer paniert auf den Teller und es schmeckt auch immer ir­gendwie gleich, egal in welchem Restaurant wir essen. Dazu gibt es immer Kartoffeln oder Reis, Karotten, Erbsen aus der Dose, Essiggurke, Salatgurken- und manchmal auch Tomaten­scheiben. Ich bin hungrig und leere meinen Teller, während Pe­ter höchstens einen Drittel davon isst, aber, wie er mir bereits in der Schweiz versichert hatte, ernährt er sich in Litauen haupt­sächlich von Wodka und Kaviar.

Dienstagvormittag. Leseprobe. Der Direktor des Theaters ruft uns eine Stunde vorher in der Wohnung an, die Dolmetscherin warte bereits auf uns im Theatercafé. Also eilen wir hinüber – aber der Regisseur eilt immer, durch die Korridore wie durch die Straßen. Immerhin mahnt er mich beim Verlassen des Hauses, vorsichtig zu sein und auf dem Eis nicht zu stürzen.

Die Dolmetscherin trägt einen kurzen schwarzen Rock. Sie ist etwas jünger als ich. Und sie redet viel, dafür hat sie ja den rich­tigen Beruf. Sie wird mir schon bald auf die Nerven gehen. Kaum sind wir im Theatercafé, will mich ein Fotograf für die Lokal-
zeitung ablichten. Er ist ebenfalls Schauspieler hier am Theater und war früher der KGB-Mann im Ensemble, ohne dass ihm dies nach der Unabhängigkeit geschadet hätte. Nun denn, nachdem ich von allen Seiten geknipst worden bin, allein und zusammen mit dem Regisseur, können endlich alle Geheim­dienste der Welt mit meinem Konterfei beliefert werden.

Ich würde gerne frühstücken, irgend ein Brot. Man bietet mir Salat an. Ich verzichte.

Im Proberaum werde ich den sieben Schauspielerinnen und acht Schauspielern vorgestellt. Wir schütteln uns die Hand. Laba
diena. Labas! Namen kann ich mir keinen einzigen merken, aber Antanas Venckus, Rimanta Vaicekonyte, Danguole Petraityte, Jurate Budrinaite klingt in meinen Ohren nicht gerade sehr ver­traut.

Die Leseprobe begeistert mich. Ich lausche der Melodie der Sprache, beobachte die Gesichter, die Hände, das Gebärdenspiel. Ich bin fasziniert, wie viel Ausdruck und Intensität sie bereits in ihre Rollen legen, obwohl wir ja alle an einem langen Tisch sitzen und sie das Manuskript vor sich liegen haben.

Isabelle deckt den Frühstückstisch. Aus dem Hintergrund wirft der „Andere“ ein Papierflugzeug nach vorne. Isabelle blickt er­staunt. Sie bückt sich, hebt das Papierflugzeug auf, dreht sich damit beschwingt im Kreis. Der „Andere“, Isabelles „Traum­mann“, kommt nach vorne. Doch schon tritt P.W., Isabelles re­aler Mann auf, der Traum ist aus. „Guten Morgen, Liebling.“ – „Honig oder Marmelade?“ – „Mm – hm – nun – Marmelade. Wo willst du hin? Sie steht bereits auf dem Tisch.“ – „Ach so. Ja. Honig hat‘s gar keinen mehr.“ – „Und wenn ich jetzt Honig ge­sagt hätte?“ – „Wärst eben reingefallen.“ – „Schade. – Gut ge­schlafen?“ – „Nein. Geträumt. Der Kopf dreht immer noch. Ir­gend ein Rummelplatz. Karussell.“ – „Heutzutage gibt es auf den Rummelplätzen keine Karussells mehr. Das ist vorbei.“ – „Für mich nicht.“

Schon lösen sich ihre Traumgestalten aus dem Hintergrund, drehen und winden sich gegen die Bühnenmitte, ein drehendes Karussell entsteht, Rummelplatzatmosphäre, Gedränge, Isabelle wird herumgewirbelt, um schließlich wieder an den Frühstücks­tisch zu ihrem P.W. „gespuckt“ zu werden. Doch der Tanz hat begonnen.

Isabelle hat morgen Geburtstag, Gäste sind eingeladen, es soll ein Fest geben. Und obwohl ihr Mann sie eben noch mit Küss­chen und „Liebling“ begrüßt hat, fühlt Isabelle den Absturz ihrer Beziehungen. Es wird nun kein Ehekrieg mit Worten ausge­foch-
ten, die Konfrontation findet viel mehr statt in Isabelles Träumen. Während den Vorbereitungen und der anschließenden Party steigern sich die Träume immer mehr zu Alpträumen, worin alle Geburtstagsgäste wie Krähen herumflattern: vorbe­reitet wird der Absturz eines Passagierflugzeuges, Wetten wer­den abgeschlossen: wie viele Tote, wie viele Schwerverletzte. Die Katastrophe wird auf der Absturzstelle zum Volksfest um­funktioniert, noch bevor Feuerwehr und Sanität eintreffen. Isa­belle entlarvt dabei ihre Geburtstagsgäste, in denen sie aber auch ihre eigenen Eheprobleme gespiegelt sieht: Richard A. tut alles, damit seine Frau das verhängnisvolle Flugzeug besteigt – wünscht nicht auch Isabelle ihrem P.W. zeitweise den Tod? P.W. aber ist nicht zu Hause, und die zwei „schwarzen Stewardessen“ nehmen dafür Isabelle. Das Flugzeug muss gefüllt werden. „Fliegen ist schön…“
   Nur einer hält sich aus dem ganzen Rummel heraus und ist
gleichzeitig dessen Auslöser: „der Andere“, Isabelles Traum­mann, ihr Geliebter – der andere P.W.?

Nach der Lesung diskutieren wir über das Stück, die Figuren, den Hintergrund, selbstverständlich kommt auch der sozialpoli­tische Aspekt zur Sprache, reden wir über Litauen und die Schweiz.

Schweiz im Januar 1997. Als ich abflog, steckte das Land in sei-
ner größten Krise, moralisch wie wirtschaftlich. Das erste Mal, das nicht versprochen wurde, es werde in diesem neuen Jahr besser kommen, im Gegenteil, es werde noch schlechter werden. Und gleichzeitig die Vergangenheit, die uns einholt. Der eingebildete Musterschüler, der erschrickt, dass die andern ihn durchschaut haben, und sich ärgert, dass sie nicht höflich schweigen.

Alle, die ich in Litauen frage, antworten mir das gleiche: in der Zeit der Sowjetunion ging es wirtschaftlich besser, aber jetzt sind wir frei. Seit der Unabhängigkeit geht es wirtschaftlich von Jahr zu Jahr schlechter. Noch haben sie die Hoffnung, dass es ändern werde. Ein Schauspieler verdient 500 Litos, ein Profes­sor an der Uni ebenfalls, ein Arbeiter kommt auf 400 Litos im Monat, das sind ungefähr 130 Schweizerfranken. Allein die Heizung kostet im Winter 200 Litos im Monat.
   Natürlich gibt es auch Reiche in Litauen. Und Šiauliai gilt als eine Hochburg der Mafia.

Während der Gespräche wird um mich herum gepafft, ich krieg den Rauch kostenlos und nicht zu knapp, und das während der ganzen Woche. Obwohl ich mit Lederweste, Lederjacke und umgebundenem Schal dasitze und eine lange Unterhose trage, kriecht die Kälte langsam meine Beine hoch.

Zum Schluss der Probe kündigt der Direktor an, dass in dieser Woche ein Ausflug mit dem Autor an die Ostsee geplant sei. Wer also den Autor begleiten möchte, solle sich in die Liste eintragen. Kaum ist sie in Umlauf, bricht der Direktor ab; wir seien schon viel zu viele für den kleinen Theaterbus.

Gegen vier gehen Peter und ich ins Restaurant. Leider ist es hier auch nicht wärmer. Meine erste Mahlzeit heute, nachdem mein Körper erst mit Kaffee, später mit Wodka zum Aufwärmen versorgt worden war.

Am Abend ist Probe mit den fünf Musikern. Wer sie sieht, be­scheiden, ärmlich gekleidet, würde kaum denken, dass sie zu den vier berühmtesten Bands des Landes gehören. Später sitzen wir mit ihnen im Theatercafé, wir kriegen jedes Mal eine andere Biermarke vorgesetzt, da die vordere gerade ausgegangen ist. Peter bezahlt wie immer die ganze Zeche. Der Gitarrist, der auch die Musik komponiert hat, lädt uns zu sich nach Hause ein. Wir fahren mit zwei Taxis, halten unterwegs vor einem Ge­schäft, das noch offen ist und wo der Regisseur die Getränke einkauft. Peter bringt bei allen Einladungen die Getränke mit oder lädt die Leute in der Kneipe ein, sie könnten es sich sonst nicht leisten.

Der Musiker wohnt in einem niedrigen alten Holzhaus, wovon es außerhalb des Zentrums neben den hässlichen Backstein­blocks noch einige gibt. Zu meinem Erstaunen werden wir im Vorraum aufgefordert, die Schuhe auszuziehen. Ich bin nicht gerade begeistert. Bei dieser Temperatur laufe ich nicht gerne nur in Socken herum. Zwar ist der Boden mit Teppich belegt, doch ist es, wie überall, nicht warm im Haus. Der Gastgeber wundert sich, dass ich Lederjacke und Schal anbehalte. Ihr Baby, durch unser Kommen aufgewacht, ist völlig nackt nur in eine Decke einge-
wickelt. Von den Gesprächen verstehe ich rein nichts, was mich nicht weiter stört.

Der mitgebrachte Rotwein ist süßlich. Ich nippe nur daran. Es gibt kaltes Huhn, geräuchert und sehr fettig, wie diese Flügel­viecher in Litauen üblicherweise gegessen werden. Gegen vier Uhr in der Früh brechen wir auf.

Mittwoch. Peter bleibt im Bett liegen, Magenkrämpfe, ich solle allein zur Probe gehen. Sie sollen mir die erste Szene vorspielen. Anschließend könnten wir diskutieren. Er komme nach.

Der Direktor humpelt missmutig auf der Probebühne herum. Ohne Regisseur gehe das nicht. Schließlich ist er doch bereit, die Szene anzuspielen. Sie zeigen mir noch ein paar weitere kurze Ausschnitte, eher lustlos, es fehlt ihnen einfach der Regis­seur. Die Assistentin meldet, der Regisseur habe angerufen, er komme erst am Abend. Ich setze mich mit der Hauptdarstellerin, einer wei-
teren Schauspielerin und der Dolmetscherin ins Thea­tercafé, wo wir während gut zwei Stunden über das Stück dis­kutieren. Natürlich kommen wir auch auf unser Privatleben zu sprechen. Ich erfahre, dass die Frauen auch hier hauptsächlich die Hausarbeit verrichten, selbst wenn sie voll berufstätig sind. Der Mann hilft höchstens beim Abtrocknen. Mir scheint, dass er zu Hause noch weniger tut als bei uns in der Schweiz.

Ich würde gerne essen gehen, doch die Dolmetscherin will mir erst ein paar Sehenswürdigkeiten in der Stadt zeigen. Die Fuß­gängerstraße ist jetzt ziemlich belebt. Wir gehen ins Museum der Fotografie. Die Dolmetscherin will mich danach noch in ein wei-
teres Museum schleppen. Mir reicht es für heute. Ich habe Hunger, und Frühstück gab es keines. Die Dolmetscherin führt mich zu einer Kneipe, die sich Country Club nennt und wo man nicht schlecht esse. Sie selber will nicht, es sei gar nicht so gut, den Tag über zu essen. Sie bietet mir an, noch kurz mit hinein zu kommen und mir die Karte zu übersetzen, wir würden uns da­nach am Abend wieder im Theater treffen. Sie könne natürlich auch warten, falls ich mich nicht getraue, allein zurückzugehen. Sie habe Bekannte aus der ehemaligen DDR, die doch russisch sprechen würden, aber die hätten sich nicht getraut, allein in die Stadt zu gehen, na ja, wegen der Mafia und was man sich alles erzähle. Ob sie mich denn vor der Mafia schützen könne? Ich verabschiede mich von ihr, froh, endlich mal allein zu sein, ohne ihren steten Redefluss.

Alaus – ein Bier kann ich natürlich schon noch bestellen. Das Weitere ist schwieriger. Ich drehe die Karte um und um, werde nicht klug daraus, weiß nicht, was Vorspeise, was Fleisch, was Fisch, was Dessert ist. Der Kellner findet schließlich einen Gast, der ein paar Brocken Englisch spricht. Ich kriege zwar nicht, was ich mir vorgestellt habe, aber immerhin irgend ein Schnit­zel.

Nach dem Essen schlendere ich die Fußgängerstraße hinunter stadtauswärts. Keine Geschäfte mit großen Schaufenstern wie bei uns. Natürlich ist schon auch Ware ausgestellt. Die Scheiben sind aber nicht größer als normale Zimmerfenster. Hinter der grauen Fassade eines großen Gebäudes, worin laufend Men­schen durch eine Pendeltür eilig verschwinden, vermute ich ein Warenhaus. Es könnte aber auch ein Verwaltungsgebäude sein. Es ist ein Warenhaus, verteilt wie bei uns auf mehrere Stock­werke, nur viel enger, verwinkelter. Weder Lift noch Rolltrep­pen, nur eine Steintreppe. Es gibt auch keine Selbstbedienung. Die Verkäuferinnen hinter den Ladentischen beobachten mich unverhohlen. Wie ich ein andermal über Mittag hier durchgehe, löffeln alle Verkäuferinnen aus einem Einmachglas ihr Essen, wieder ohne ein Auge von mir zu lassen. Aber bestimmt nicht, weil ich so schön bin. Artikel des täglichen Bedarfs, Wäsche, Kleider. Als Umkleidekabinen dienen ein paar Verschläge aus verbogenen Holzfaserplatten.

Die Fußgängerallee endet bei der stark befahrenen Straße vor der einstöckigen Markthalle. Vorsintflutliche Busse rattern vor­bei, voll gestopft mit Fahrgästen.
   Durch ein vereistes Gässchen zwischen Baracken hindurch gelange ich leicht abwärts zum Straßenmarkt. In einer seitlichen Passage reiht sich Blumenstand an Blumenstand. Das Meer von Sträußen bildet einen farbigen Kontrast zu Schnee und Eis.
   Auf dem Platz mehrere Reihen von Marktständen. Erbsen in Dosen, Essiggurken im Glas, Teigwaren, Reis, Ketchup, Spei­seöl, Pulverkaffee, Tee. Die Tische biegen sich nicht unter der Last, einige sind leer. Alte Bäuerinnen mit Steinkrügen, aus de­nen Sauerkraut wuchert. Kundinnen sind im Augenblick nur spärlich zu sehen, Kunden noch weniger. An einzelnen Ständen oder bloß in Kisten, die auf den Boden gestellt wurden, werden Äpfel, relativ günstig, Orangen, teuer, Bananen, sehr teuer, Sa­latgurken und Peperoni, extrem teuer angeboten. Kartoffeln, Kohl und Karotten sind billig.

Es wird dunkel. Ich muss los, um halb sechs habe ich im Thea­tercafé einen Termin mit dem Lokalfernsehen. Auf dem Rück­weg schiebe ich Zahlen in meinem Kopf hin und her.
   Ein Pfund Teigwaren kostet 3 Litos, rechnet man nach der Kaufkraft der Löhne und nimmt als Vergleich einen Durch­schnittslohn von 500 Litos und 4000 Schweizerfranken, dann entspricht dies 24 Franken, ein Viertelpfund Kaffee 80 Franken, 1 Kilo Äpfel 16 Franken, 1 Kilo Orangen 32 bis 48 Franken, 1 Salatgurke 96 Franken, 1 Kilo Peperoni 128 Franken, einzig 1 Kilo Kohl oder Kartoffeln „nur“ 4 Franken. Im Warenhaus kos­ten, immer im Vergleich zur Kaufkraft, 1 Paar Turnschuhe um 1600 Franken. Aber wie mir Lina, eine der Schauspielerinnen, erzählte, kauft sie sich alle Kleider und Schuhe in Secondhand­geschäften oder näht sich die Kleider selber.
   Ein Bier in der Kneipe 32 Franken, ein einfaches Essen unge­fähr 80 bis 100 Franken. Kein Wunder, dass die Restaurants leer sind. Das gleiche Essen ist für uns hingegen sehr billig und kostet – nach Devisenkurs – ungefähr Fr. 3.50 bis 5.-. Für mich mit meinem eher bescheidenen Budget in der Schweiz ein sehr komisches Gefühl, vor allem, da ich hier mit Kollegen zu tun habe und nicht als Tourist diese Tatsachen möglichst nicht zur Kenntnis nehmen will und zu Hause schwärme, wie billig alles gewesen sei.

Donnerstag, acht Uhr in der Früh. Schlussendlich sind wir nur wenige, die im kleinen, grünen Theaterbus mit weißen Vorhän­gen an den Seitenfenstern, wie in Großmutters Wohnstube, sit­zen. Die Schauspielerin Lina, ein junger und ein alter Schau­spieler, eine junge Journalistin, der Regisseur und ich. Am Steuer der Theaterschofför. Der Theaterdirektor ließ sich ent­schuldigen, der seit dem Sturz geschwollene Fuß schmerze. Kurz vor der Hafenstadt Klaipeda, nach zwei Stunden Fahrt durch eine eintönige, grauweiße Landschaft, bricht für einen Augenblick die Sonne durch. Wir setzen mit der Autofähre zur Kurischen Nehrung über. Diese schmale und rund 100 Kilome­ter lange Landzunge aus purem Sand wird im Reiseführer als ei­genartige Mischung aus Italien und Skandinavien beschrieben. An Italien erinnert mich im Augenblick wenig. Grüne Kiefern gibt es zwar auch jetzt, doch die Buchten mit goldenem Sand sind verschneit, das kris-
tallklare Wasser auf der Seite zum Festland zum Teil zugefroren, auch die Straße, auf der wir fah­ren, vollständig mit Schnee bedeckt. Es ist kalt und feucht. Wenn man durch die schier endlosen Wälder aus Kiefern und Birken streife, Pilze sammle, dabei womöglich einem umherzie­henden Elch begegne, dann fühle man sich von der Mittelmeer­region mit einem Schlag nach Schweden oder Finnland versetzt.

In Juodkrante, einem Fischerdorf, das wie alle Dörfer der Nehrung an der geschützten Haffküste liegt, lassen wir den klei­nen Bus stehen und stapfen zum Blocksberg oder Hexenberg hinauf. Den Pfad säumen Hexen und Teufel und allerhand sons­tige bizarre Holzfiguren. Wir fahren weiter, die enge Straße schlängelt sich aufwärts, ich wundere mich, dass wir nicht ins Schleu-
dern geraten. Der alte Schauspieler erzählt, dass hier einmal ein Fußballspiel gegen ein Dorf vom Festland stattfand. Die vom Festland hatten sich bei der Überfahrt mit ihren Booten wegen schlechten Wetters verspätet, als sie endlich eintrafen, war nicht nur das Publikum, sondern auch die örtliche Mann­schaft bereits halb blau. Nach der Pause waren sie es dann voll­ständig, Publikum und örtliche Mannschaft, doch der Gegner holte auf.

In Nida machen wir Mittagsrast, na ja, es geht bereits gegen 15 Uhr. Wir essen im ersten Stock eines kleinen Restaurants mit rustikaler Ausstattung, viel Holz. Es ist angenehm warm. Die kleinen gebratenen Fischchen, die wir essen, sind auf der Karte gar nicht aufgeführt, wir bekommen sie auf Nachfrage des alten Schauspielers. Sie sind herrlich frisch und schmecken wunder­bar. Das erste Mal in Litauen, dass mir das Essen schmeckt. Peter hat, wie immer, alle eingeladen. Nur der Theaterschofför ist im Bus sitzen geblieben. Er steigt nie aus, wartet immer hinter dem Steuer, wenn es sein muss stundenlang. Nach dem Essen spazieren wir am Thomas-Mann-Haus im typischen Stil der Nehrung mit Reetdach, verzierten Windbrettern und weißen Fensterläden vorbei. Der Schriftsteller verbrachte hier die Sommer der Jahre 1930-32. Wir biegen zum Strand ab, machen einen kleinen Schwenker über das zugefrorene Haff. Viele Men­schen sind bis weit draußen unterwegs. Die Eisfläche ver­schwimmt mit dem milchigweißen Winterhimmel.

Freitag. Nach einer kurzen Probe folgt eine lange Diskussion. Peter kündigt an, jeder habe fünfzehn Minuten Zeit, nochmals mit dem Autor zu sprechen. Der Regisseur verschwindet zwi­schendurch, sonst hört er zu, greift nur ein, wenn er findet, dass die Dolmetscherin nicht korrekt übersetzt hat.

Unsere Gespräche dauern über fünf Stunden, danach bin ich völlig erschöpft. Wir sitzen im Theaterkaffee. Ich muss mal. Freilich nicht das erste Mal. Es verdient es trotzdem, erwähnt zu werden, obwohl ich nun ja schon weiß, was mich erwartet. Ein großer Raum mit dunklem Steinboden, an einer Wand sechs Pissschüsseln nebeneinander, die Hälfte davon verstopft, kleine Bäche schlängeln sich zu einem Abflussloch in der Mitte der Örtlichkeit. Beim Waschbecken fehlt das Abflussrohr, das Was­ser stürzt neben meinen Füßen zu Boden und bahnt sich eben­falls seinen Weg zur Mitte. Gegenüber, eine Stufe höher, drei Stehklos, die Türen stehen offen und gewähren freie Sicht auf die Haufen, die neben das Loch gefallen sind. Ich ziehe die Hose auf Hochwasser und stelze wie ein Storch dem Ausgang zu. Natürlich halte ich die Luft an. Nützt nichts, der Aufenthalt ist zu lang. Die Bedürfnis-
anstalt hier im Untergeschoß dient übri­gens ebenfalls als Toilette für die Zuschauer, die einzige im ganzen Haus.

Peter und ich werden von der Schauspielerin Lina und ihrem Mann zu einer Vernissage abgeholt. Ricardas, Linas Mann, ist Kunstmaler und Leiter der Kunstakademie. Er ist gut gekleidet, wirkt eher oberlehrerhaft. Auch Lina hat sich fein angezogen. Das Museum befindet sich in einem nüchtern stalinistischen Bau. Im Ausstellungsraum sitzt auf einer Bühne ein Pianist im Frack und spielt auf dem Flügel, während die Gäste herumgehen und laut miteinander sprechen. Alle sind festlich gekleidet, wo­bei aber die missliche wirtschaftliche Lage eine gewisse Schä­bigkeit durchschimmern lässt. Gerade der Professor der Kunst­akademie, der die Laudatio hält, ein älterer Mann, ist sichtlich ärmlich ge-
kleidet, was dadurch, dass er einen Anzug trägt, noch mehr auffällt. Viele Gäste halten eine Blume in der Hand, die sie einem der beiden ausstellenden Künstler nach dessen Rede überreichen. Jetzt gibt es Weißwein, ich beeile mich, das Glas irgendwo abzu-
stellen, ohne auszutrinken. Peter und ich ziehen uns ins Muse-
umscafé zurück, wo sich Lina und Ricardas auch bald einfinden. Kaffee und Wodka.

Samstag. Es soll einen Ausflug zum Kreuzberg geben. Wir warten im Theatercafé auf den Bus. Der alte Professor von der Kunst-
akademie sitzt ebenfalls hier. Er erzählt mir, dass er nach Sibirien deportiert worden sei. Seine ganze Familie sei dort um­gekommen. Er selber sei zum Tode verurteilt worden. Wir bre­chen auf, und ich erfahre nie, weshalb er dies alles erleiden musste. Begleitet werden Peter und ich von Lina, und auch Vla­das, der alte  Schauspieler, ist wieder mit dabei. Früher habe er ein bisschen deutsch gesprochen, aber das habe er längst ver­lernt. Er hat bei jedem Wetter einen großen Regenschirm bei sich, der ihm als Gehstock dient.

Der Kreuzberg liegt etwa 17 Kilometer nördlich von Šiauliai und gilt als Hauptattraktion der Stadt und als eine der Sehens­würdigkeiten des Landes. Der Fahrweg, der von der Hauptstraße zu diesem kleinen Hügel führt, ist vollständig mit Schnee be­deckt. Ein Meer von Kreuzen, Zehntausende oder Hunderttau­sende, dicht an dicht, in allen denkbaren Größen. Wahrschein­lich hätten die Bewohner der Umgebung nach der Niederschla­gung des Aufstands gegen den Zarismus von 1863 damit begon­nen, hier Kreuze für ihre beim Aufstand ums Leben gekomme­nen Angehörigen zu errichten. Später waren dann auch Kreuze für die Opfer des Stalinismus hinzugekommen, als Tausende von Litauern nach Sibirien deportiert wurden und dort ums Le­ben kamen. Eines Tages seien die Panzer angerollt und hätten die Kreuze platt gewalzt. Doch am nächsten Tag seien die Kreuze wieder aufgerichtet gewesen. Die Besatzung der Panzer aber sei zwei Jahre später an einer unerklärlichen Krankheit ge­storben. Inzwischen hat sich die Flut der Kreuze die Hänge he­runter ergossen und dehnt sich rings um den Hügel aus. Unzäh­lige kleine und kleinste Kreuze hängen als Dank- oder Bittop­fer an den großen. Bei seiner Hochzeit hätten sie dort ebenfalls ein Kreuz deponiert, wird mir der Theaterdirektor, der eigentlich mitkommen wollte, es aber wegen seines schmerzenden Fußes wieder sein ließ, später erzählen. Geholfen hätte es nichts, er sei seit mehreren Jahren geschieden. Er wird vorschlagen, dass die ganze Theatertruppe zusammen mit Regisseur und Autor ein Kreuz hinhängen gehen, um für die Produktion Glück und Er­folg zu erbitten, worauf dann aber ohne Erklärung verzichtet werden wird. Gerade ist ebenfalls eine Hochzeitsgesellschaft auf dem Kreuzberg. Die Braut ohne Mantel im weißen Kleid und mit Stöckelschuhen dauert mich. Es weht ein beißender Wind. Sie hält sich krampfhaft am Arm des Bräutigams fest, um auf dem Eis nicht auszurutschen. Die Gesellschaft strebt schon bald wieder ihren Autos zu. Da merkt der Bräutigam auf halbem Weg, dass er vergessen hat, das Kreuz zu deponieren, und eilt zurück.

Später am Nachmittag fahren wir zu einem russischen Bad draußen auf dem Land. Zu uns gesellt haben sich noch Linas Mann und die junge Journalistin. Der klapprige Theaterbus kann nicht mehr weiter fahren, die Nebenstraße ist völlig vom Schnee verweht und vereist. Wir marschieren ungefähr zehn Minuten an einem Birkenwäldchen vorbei leicht aufwärts in der Abend­sonne, bis wir das Gehöft erreichen. Das kleine Holzhaus mit der Sauna steht etwas abseits. Im Nebenraum wird an einem langen Holztisch gegessen, was Lina für uns zubereitet hat. Ein­gelegter Hering, Hähnchen, Brot, grüner Salat und der „Salat der Schwiegertochter“: schwarzes geröstetes Brot, schwarze Boh­nen, Pilze und Zwiebeln, mit Öl, Essig und Gewürzen gemischt. Dazu trinken wir Bier, Wodka und Wein, bis die Sauna auf 80 Grad aufgeheizt ist. Auf einen heißen Stein wird Bier gegossen. Der aufsteigende Dampf schneidet mir den Atem ab. Ich hätte mir vorher nie vorgestellt, wie schön es ist, nackt hinaus zu lau­fen und sich bei Minus 10 Grad mit Schnee einzureiben. Nur die Fußsohlen brennen. Über uns ein Sternenhimmel, wie ich ihn noch nie gesehen habe.

Der Rückweg im Finstern, abwärts über den vereisten Weg und mit einem anständigen Alkoholpegel im Blut, gestaltet sich schon schwieriger. Ich schaffe es ohne zu stürzen.

Sonntagvormittag. Geplant ist ein Besuch bei einem Ärzteehe­paar, Freunde von Peter, die auf dem Land ein privates Spital besitzen.
   Wir warten in der kalten Theaterkneipe auf den Theaterbus, trinken Kaffee. Es geht gegen Mittag. Frühstück gab es – wie immer – keines. Dafür steht plötzlich ein Whisky vor mir. Vom Theaterdirektor. Er ist betrunken, tanzt rum wie ein Bär. Seine Frau habe ihn rausgeschmissen. Bald ist vierzehn Uhr. Wir warten immer noch. Peter erzählt mir, dass er einmal den Bus genommen habe, um über Land zu fahren. Alle hätten ihm ab­geraten. „Aber wieso soll ich nicht den Bus nehmen?“ – „Nein, das geht nicht.“ Nun habe er es wirklich wissen wollen. Außer­dem habe er es satt gehabt, immer auf das Theaterauto angewie­sen zu sein. Die Fahrt, eine Strecke von nicht ganz hundert Ki­lometern, habe schließlich zwölf Stunden gedauert. Der Bus habe an jeder Ecke gehalten. Der Fahrer sei immer wieder aus­gestiegen und erst nach einer Viertelstunde weitergefahren. Ein andermal, er sei wieder mit dem Theaterauto unterwegs gewe­sen, habe er eine lange Reihe von Menschen mit Gepäckstücken mitten durch das verschneite Feld stapfen sehen. Etwas später sei er dann nach einer Kurve am Bus vorbeigefahren, der von der Straße abgekommen und stecken geblieben sei.

Endlich können wir aufbrechen. Da der Theaterschofför aus irgend einem Grund nicht gekommen ist, fährt uns der Ausstat­tungsleiter. Mit seiner groben Hose, dem verfilzten Pullover und den klobigen Schuhen würde man ihn zwar eher für einen Hilfs­arbeiter halten – mit dem Auge des Schweizers betrachtet. Ich sollte heute also abseits der großen Straßen etwas vom Land zu sehen bekommen. Der Himmel ist milchig trüb, die Landschaft eher monoton. Die Felder sind mit einer dünnen Schneeschicht überzogen, ebenso die schmale Fahrbahn, die zudem stellen­weise vereist ist. Peter zieht es vor, die Augen zu schließen. Wir haben uns verfahren. Es ist bereits halb fünf, wie wir endlich beim Spital eintreffen, abgemacht war für den frühen Nachmit­tag. Wir sitzen im kargen Korridor. Es ist kalt. Mein Magen ist schon den ganzen Tag durcheinander, ich suche die Toilette auf, ziehe es dann aber vor, unverrichteter Dinge abzuziehen. Die Ärztin sei eine richtige Hexe, hatte mir Peter vorher erzählt, die sehe alles, sie sehe auch den Tod voraus, sie habe aber auch schon viele geheilt, die als verloren galten. Die Hexe sieht aus wie eine Ärztin oder sonst eine Frau. Nachdem sie mir lange in die Augen geschaut hat, sagt sie, ich sei ein guter Mensch. Das wiederholt sie mehrmals. Den Tod erwähnt sie nicht.

Am Abend findet mit zwei Monaten Verspätung die Premiere der vordern Produktion statt. Die Vorstellung hat bereits begon­nen, wie wir im Theater eintreffen. Der Zuschauerraum ist voll, etliche sitzen im ersten Rang auch auf den Treppen, stehen hin­ten an der Wand, obwohl das Datum der Premiere erst vor zwei Tagen angekündigt worden war. Nachdem wir einen Augenblick zugeschaut haben, gehen wir ins Theatercafé. Kollegen vom Theater in Klaipeda sind gekommen. Ein groß gewachsener Schau-
spieler, der bereits völlig betrunken ist, redet französische Bro-
cken lallend auf mich ein, fuchtelt mit den Händen vor mei­ner Nase, rückt mir mit stierem Blick immer mehr zu Leibe. Er sei in der Zeit der Sowjetunion ein sehr berühmter Schauspieler gewesen, erfahre ich von Peter. Ich halte es trotzdem nicht mehr aus, während Peter sich zu amüsieren scheint. In der Pause be­sorgt er mir dann aber doch über den Direktor einen Platz im Zuschauerraum. Ich lausche der mir immer noch sehr fremden Sprache wie einer Musik. Zum Schlussapplaus steigen mehrere Zuschauer über die kleinen Treppen auf beiden Seiten auf die Bühne und überreichen den Schauspielern Blumen. Bei der fol­genden Premierenfeier im Theatercafé stehen große Platten mit Häppchen auf den Tischen, zu meiner Verwunderung werden aber auch viele Äpfel gegessen, später gibt es zur großen Begeisterung der jungen Schauspielerinnen noch frische Ananas, die sie mir als
erster anbieten. Ich verzichte zu ihren Gunsten. Natürlich stehen auf den Tischen auch unzählige Literflaschen Wodka. Daneben gibt es Sekt, nur ist er dem Landesgeschmack entsprechend viel zu süß für mich. Ich halte mich an Wodka und Bier.

Montag. Abreise. Mein Magen ist völlig durcheinander. Die Reise wird zur Qual. Obwohl ich vom Theaterschofför die zweihundert Kilometer zum Flughafen gefahren werde, begleitet mich noch die Schauspielerin Lina, die dafür ihren freien Tag opfert. Peter fährt bis Panevezys ebenfalls mit, wo er im Theater eine andere Produktion vorbereitet. Lina hat für uns Brote mit Wurst und Käse gemacht, Kaffe gekocht. Äpfel und ein paar Flaschen Bier hat sie ebenfalls dabei. Die Brote sind natürlich nicht hoch beladen, sondern mit einer dünnen Scheibe belegt, wie in meiner Kindheit. Ich trinke einen Becher Kaffee, esse zwei Brote. Und schon rebelliert erneut der Magen. Das Klo im Theater von Panevezys ist noch fast schlimmer, als dasjenige in Šiauliai.

Wir überholen auf der Autobahn ein von einem Pferd gezogenes Fuhrwerk. Hin und wieder ein einsamer Radfahrer auf einem ur­alten Vehikel. Fußgänger, allein, zu zweit. Später eine kleine Gruppe von Kindern mit Schulmappen. Plötzlich hält der Fahrer an. Irgendwas mit der Benzinzufuhr. Ich schaue besorgt auf meine Uhr.
   Weiter vorne taucht aus dem Wald ein großer Mann mit einer Pelzmütze auf, betritt die gegenüberliegende Fahrbahn, schlin­gert über den Mittelstreifen von einer Fahrbahn zur andern. Jetzt hat er uns gesehen. Er schwankt herbei, bleibt neben unserem Auto stehen, schaut stumm, wankt weiter. Inzwischen ist unser Fahrer die Böschung hinunter gestiegen. Er kommt mit einem dünnen Ast zurück, stochert damit im Benzintank. Er startet den Motor, nickt. Wir fahren weiter.

Ich sitze mit Lina im kleinen Flughafenrestaurant. Wir trinken Bier, Lina isst zwei Kaviarbrötchen. Ich kann nicht. Muss wie­der mal aufs Klo. Ein bisschen besser als die früheren Toiletten, aber nur ein bisschen.

Dank genausten Berechnungen konnte bereits eine Woche zum voraus Ort und Zeit des Flugzeugabsturzes bestimmt werden.

Wir steigen höher und höher. Ich schaue hinunter auf die Wäl­der. Lina erzählte mir, dass ihre Großmutter im Norden von Li­tauen einen großen Wald besessen hatte. Sie hoffe, dass sie ihn jetzt dann zurückkriegen werde, falls es ihr gelinge, die nötigen Papiere zu beschaffen.

Innert weniger Stunden die Tribüne ausverkauft, obwohl der Platz fünfhundert Franken kostet und dunkler Anzug vorge­schrieben ist.

Die Hostessen servieren Huhn, zwei kleine Stücke, das eine li­tauisch zubereitet: bräunlich, fetttriefend geräuchert. Das andere ist weiß, also ein Westler, zumindest Wienerwald. Blöd wie ich bin, esse ich davon, anstatt tapfer zu fasten. Die Reue kommt sofort.

Meine Damen und Herren, liebe Angehörige der tragisch Ver­unglückten, speziell für Sie zeigen wir die große FZA-Mode­schau – die große Flugzeugabsturz-Modeschau. Das erste Mo­dell…

Wien-Transit. Ein richtiger Kulturschock. Hier glänzt der Wes­ten noch. All die hell strahlenden Schaufenster. All die Ware. Und das allein im Transitbereich des Flughafens.

Ich haste zum Klo. Dies wird auch meine erste Handlung sein, wieder auf Schweizerboden.

 

Im slowenischen Wald

Schuld an meiner Slowenienreise war der gute alte Gotthelf.

Eines grauen Tages im Dezember 1995 ruft mich Peter Arnold vom Theater Kanton Zürich an und fragt mich, wie ich denn zu Gotthelf stehe. Sie planen für Sommer 97 eine Produktion von „Die Käserei in der Vehfreude“, suchen einen Autor für eine Neubearbeitung. Nun, wie stehe ich zu Gotthelf? Er steht in meinem Büchergestell. Von der „Vehfreude“ weiß ich, dass die Verfilmung auch als Wildwest im Emmental bezeichnet wurde. Ich bitte mir Bedenkzeit aus. Aber an den Gotthelf komme ich nicht ran, selbst wenn ich mich auf die Zehenspitzen stelle, und wo ist denn jetzt wieder unsere kleine Leiter?!

Endlich halte ich die „Vehfreude“ in Händen, halte sie so weit als möglich von meiner Nase weg, wo kommt denn bloß all dieser Staub her, ein Festschmaus für meine Stauballergie! Ich laufe mit dem Buch auf den Balkon, klopfe es erst mal auf seinen Staubgehalt ab. Doch obwohl ich nach redlich Mühen an diesem Tag höchstens zwanzig, dreißig Seiten darin lese, fängt meine Nase an zu jucken, und ebenso die Kehle. Am nächsten Tag kaufe ich in der Buchhandlung eine Taschenbuchausgabe.

Wie das Schicksal es will, fragt mich ein halbes Jahr später Franz Matter, der in der Verfilmung der „Käserei in der Vehfreude“ vor 39 Jahren den jugendlichen Helden Felix gespielt hatte, ob ich nicht für eine Produktion des Berner Heimatschutztheaters „Elsi, die seltsame Magd“ neu dramatisieren würde.
Während einer Kulturbrücke Schweiz – Slowenien wurden dann von einem Dorftheater ein paar Szenen aus meiner „Elsi…“ in slowenischer Sprache gespielt. Anlass zu dieser Kulturbrücke waren Jeremias Gotthelf und sein Zeitgenosse, der „slowenische Gotthelf“ Fran Levstik aus Velike Lasce .

In Erwartung der vielen Schweizerinnen und Schweizer – nicht wegen meines Stücks, sondern wegen der Kultur­brücke – in Erwartung der vielen Schweizerinnen und Schweizer, wurden die Häuser auf dem Dorfplatz neu ge­strichen und das Trottoir frisch asphaltiert. Angereist wa­ren aber nur wenige, an einer Hand abzuzählen. Die in der Schweiz lebende Veranstalterin, eine Slowenin, meinte, einige hätten wahrscheinlich Angst gehabt, sie könnten ermordet werden. Und, Ironie des Schicksals, beinahe wäre ich, der ich mich nicht im geringsten gefürchtet hatte, erschlagen worden. Zwar nur von einem Baum.

Ich war im Haus eines Schreinermeisters und seiner Frau untergebracht. In den siebziger Jahren waren sie beide als Gastarbeiter in Deutschland gewesen, sprachen daher im­mer noch recht gut Deutsch. In den Ferien waren sie je­weils in ihr Heimatdorf gefahren und hatten während vier Jahren ihr Haus gebaut. Mit Schaufel und Pickel hatten sie die Baugrube ausgehoben, Steine und Erde mit der Schubkarre weggeschafft. Er sei in Deutschland immer gut behandelt worden, erzählte der Schrei-
nermeister, er habe nie Probleme gehabt. Aber die Leute von hier seien auch tüchtige Arbeiter, nicht wie die von weiter unten, die vom Süden, alles faules Pack. Bei uns fange der Süden schon weiter oben an, entgegnete ich. Der Schreinermeister lä­chelte nur. Er geht jeden Sonntag und während der Woche mehrmals abends mit seiner Frau in die Messe, in der Kirche sitzen sie getrennt, die Frauen auf der einen Seite, die Männer auf der andern. Nur die Jungen halten sich nicht mehr an diese Regel. Seine Tochter, die bei den The­aterproben meine Dolmetscherin war, und die ebenfalls jeden Sonntag in die Kirche geht, setzt sich neben ihren Mann.

Die Gemeinde Velike Lasce besteht aus über dreihundert Weilern. Die Landschaft hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Emmental. Eine schöne Gegend, sehr grün. Hügel, Wälder. In den Wäldern leben zweiunddreißig Bären, die, vom Krieg vertrieben, aus Bosnien hier herauf gewandert waren. Letzten Winter wurde ein Mann von einer Bärin angefallen. Normalerweise ergreifen die Bären ja die Flucht, sobald sie einen Menschen nur von weitem hören. Erst wenn jemand sich weniger als fünfzig Meter in ihrem Umkreis befindet, greifen sie, zu ihrer Verteidigung, an. Flucht ist aussichtslos, Bären sind sehr schnelle Läufer. Da bleibe einem nichts anderes übrig, als sich zu Boden fallen zu lassen, das Gesicht nach unten, und sich ja nicht zu rühren, erzählte der Schreinermeister. Wenn er Pilze sammeln gehe, klopfe er mit einem Stock gegen die Baumstämme, das halle weit durch den Wald. Er sei noch nie einem Bären begegnet. Spuren gesehen, das schon, oh ja! Der erwähnte Mann war eines abends von der Bussta­tion auf dem Heimweg. Die Bärin, die auf Futtersuche sich bis in die Nähe des Hauses gewagt hatte, befand sich auf der einen Seite der Straße und ihre Jungen auf der an­dern. Dies wurde dem Mann zum Verhängnis. Die Bärin griff sofort an, riss dem Mann ein Ohr ab und ein Auge aus, packte ihn und zog ihn in den Teich neben dem Haus. Durch die furchtbaren Schreie alarmiert, kamen seine Frau und die Söhne herausgelaufen und konnten die Bärin vertreiben. Seither werden alle Kinder mit dem Schulbus direkt vor der Haustür abgeholt und wieder
dorthin gebracht. Bei den verstreuten Weilern gibt das für einige Kinder jeden Tag eine ganz schöne Rundreise.

Bei der großen Mehrheit der Eltern sind Mann und Frau berufs-
tätig, gezwungenermaßen, wenn man die Löhne und Preise vergleicht, obwohl es ihnen sicher besser geht, als in den meisten
osteuropäischen Ländern. Die Frauen haben ein Jahr bezahlten Schwangerschaftsurlaub, danach werden die Kinder den Großmüttern zum Hüten gebracht, ab zwei Jahren gehen die Kleinen in den Kindergarten, wo sie Frühstück und Mittagessen bekommen. Die Kosten richten sich je nach Einkommen und Größe der Familie. Einige Errungenschaften aus der Zeit des Sozialismus sind also beibehalten worden.

Am zweiten Tag fuhr ich mit dem Bus in die Hauptstadt Ljubljana, natürlich ohne leiseste Ahnung, dass es mich beinahe Kopf und Kragen kosten würde, hauptsächlich den Kopf, Kragen hatte ich keinen. Mein Stadtbummel führte mich in den Stadtpark, der in einen bewaldeten Hügel mit alten Bäumen übergeht. Mein Magen war wie­der einmal durcheinander, wahrscheinlich erinnerte er sich an unsern Aufenthalt in Litauen letzten Winter und wollte gleich zu Anfang protestieren, das Mittagessen am Vortag hatte aber auch jegliches Essen in Litauen übertroffen – im negativen Sinn. Hier muss ich gerechterweise erwähnen, dass ich an den folgenden Tagen zwei Mal im Dorfgasthof mit einem guten Menü verwöhnt wurde. Pilzsuppe, Schweinsmedaillon mit einer Art salzigem Strudel ohne Füllung. Nur der grüne Salat mit weißen Bohnen und Sauerkraut schwamm in der Sauce und schmeckte mir nicht besonders. Wie gesagt, rebellierte mein Magen im Stadtpark von Ljubljana, was mir aber schlussendlich das Leben rettete. Ich ging den Waldweg hügelaufwärts, in der Hoffnung, irgendwo mein dringendes Bedürfnis erledigen zu können. Endlich sah ich einen Trampelpfad, der seitlich wegführte. Ich bog darauf ein, da krachte es vor mir auf dem Waldweg, ein
armdicker und gut fünf Meter langer Ast war aus der Höhe runtergesaust. Ich wäre erschlagen worden, wäre ich nicht in letzter Sekunde dank meines Magens abgebogen. Trotzdem verging mir an diesem Tag das Scheißen gründlich. Pardon.

Geprobt wurden die Szenen aus meiner „Elsi“, wie das bei be-
rufstätigen Laien üblich ist, abends. Nach dem Abendes­sen beim Schreinermeister, er hatte mich erst gefragt, was ich möchte, wie zu Hause, ja gerne, was wir denn in der Schweiz essen würden, nein, wie bei ihnen zu Hause, also gut, das übliche Essen, das sie jeden Abend zu sich neh­men, oder ob ich doch nicht lieber wie bei mir, nein, also, einen Teller Polenta und eine Riesentasse, die selbst die stattlichste Emmentalerin vor Neid hätte erblassen lassen, bis zum Rand gefüllt mit vollfetter Milch, so fettig, dass eigentlich das Herz jedes Gotthelf-Bearbeiters hätte hüpfen sollen, doch mein undankbarer Magen, an dünnere Milch gewohnt, verweigerte seine Pflicht, nach dem Abendessen fuhren wir im Auto zu einem völlig allein stehenden Haus mitten im Wald. Zu meinem Erstaunen befand sich darin eine richtige Bühne mit rotem Vorhang. Als Bühnenbild hatten sie Tannenbäumchen aus dem umliegenden Wald geschnitten. Nachdem ich höflichkeitshalber einen ersten Durchlauf abgewartet hatte, ließ ich sie wegräumen, da das Stück nicht naturalistisch aufgebaut ist und die Bäumchen überhaupt nicht passten. Sowohl die Schauspielerinnen und Schauspieler wie der Regisseur sprachen nur slowenisch, zum Glück diente mir, wie erwähnt, die Tochter des Schreinermeisters als Dolmetscherin. So konnte ich auch er-
klären, dass ein Emmentaler Bauer keine Krachlederne trägt. Der Darsteller mit der Krachlederne versprach, eine andere Hose anzuziehen. Bei unserer Diskussion ließen sich denn auch noch verschiedene Fehler, die sich in die Übersetzung eingeschlichen hatten, richtig stellen.
Der Sohn des Bürgermeisters spielte den Liebhaber und führte auch außerhalb der Bühne ganz souverän das große Wort. Er nahm, eine Selbstverständlichkeit, die Schachtel Pralinen, die ich für alle aus der Schweiz mitgebracht hatte, an sich. Ich nehme an, dass er später die Pralinen unter den Mitwirkenden gerecht verteilt hat.

Zurück in die Schweiz geschickt wurde ich von den Dorf­bewoh-
nern mit einem Stück Käse, einer Wurst und einem Apfel, eingeschlagen in ein Hirtentuch, das streng nach Ziegenbock roch und an einem knotigen Stock befestigt war, der mir bei der Flug-
abfertigung in die Quere kam und seltsame Blicke auf mich zog. Obwohl ich zu Hause das Hirtentuch gleich in die Waschma-
schine steckte, roch es nicht besser. Meine Frau ließ es dann unauffällig verschwinden, wogegen ich, dies sei zugegeben, nicht groß protestierte.